(1) Was
ist "Factoring" und warum verwenden es immer mehr
Lieferanten?
von Armin Pulic
Immer mehr Lieferanten, insbesondere mittelständische
Unternehmen, setzen das Factoring ein. Warum ist das so und was passiert eigentlich beim Factoring?
Wie funktioniert Factoring?
Beim Factoring verkauft der Erbringer einer Leistung (z. B. ein Zulieferer der Automobilindustrie) seine Geldforderung
gegen den Empfänger der Leistung (z. B. den
Automobilhersteller) an einen Factor.
Dabei informiert der Lieferant (Factoringkunde) seine
Abnehmer darüber, dass die Forderungen an den Factor verkauft wurden und der
Rechnungsbetrag an diesen zu zahlen ist; dabei prüft der Factor vor Vertragsabschluss und fortlaufend die
Bonität der Abnehmer und übernimmt im Rahmen eines vereinbarten
Limits das volle Ausfallrisiko (Delkredereschutz).
Der Factor bezahlt dem Leistungserbringer unmittelbar bis
zu 90 % seiner Forderung. Der Erbringer der Leistung verfügt damit über sofortige Liquidität. Sofern es sich um ein
Full-Service Verfahren handelt, muss er sich um die Debitorenbuchhaltung und das Inkasso nicht mehr kümmern. Die verbleibenden
ca. 10 % bis 15 % des Kaufpreises behält der Factor zunächst als Sicherheit für Skontoabzüge oder Mängelrügen ein. Dieser
Sicherheitseinbehalt wird dem Factorkunden bei Zahlung durch den Abnehmer (Debitor) oder bei Fälligkeit gutgeschrieben.
Daneben gibt es auch noch das sogenannte "Stille Factoring". Dabei tritt der Factor gegenüber dem Schuldner nicht in
Erscheinung. Der Factoringkunde nutzt die Leistungen des Factors, ohne dass sein Abnehmer dies erfährt. In Deutschland
wird diese stille Form des Factoring eher weniger praktiziert.
Warum ist Factoring im kommen?
Voraussichtlich Ende 2006 werden die neuen Richtlinien für die Eigenkapitalunterlegung von Krediten verbindlich, die
der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht zur Zeit vorbereitet. Durch "Basel II" werden die gesetzlichen Anforderungen an
die Eigenkapitalausstattung nicht nur am Volumen der ausgegebenen Kredite ausgerichtet, sondern auch am Ausfallrisiko
des Kreditkunden. Je höher die Wahrscheinlichkeit des Ausfalls, desto höher muss ein Kredit mit Eigenkapital unterlegt
werden.
Die Banken sind künftig verpflichtet, die Bonität ihrer
Kreditkunden in einem methodisch nachvollziehbaren Verfahren (Rating)
einzuschätzen. Dies wird nicht nur Auswirkungen auf die Kreditvergabe haben, sondern auch auf die Kredit-Konditionen. Denn
die Unterlegung von Krediten mit Eigenkapital verursacht Kosten.
Bereits im Vorfeld von Basel II klagen vor allem kleine und
mittlere Unternehmen, dass die Banken bei der Kreditvergabe zunehmend
zurückhaltender werden. Liquide zu bleiben wird für diese Unternehmen zur Überlebensfrage. Hinzu kommt, dass
auch die Zahlungsmoral in Deutschland zurückgegangen ist.
Die Schere zwischen eigenen Zahlungsverpflichtungen und
ausbleibenden Zahlungen hat im vergangenen Jahr zu einer beispiellosen Insolvenzwelle geführt. Rund 33.000 Unternehmen
allein in Deutschland waren betroffen. Monika Loock-Weber, Geschäftsführerin der PB Factoring GmbH, analysiert die
Gründe: "In zwei Dritteln aller Fälle waren kurzfristige Liquiditätsengpässe die Ursache, häufig dadurch bedingt,
dass Unternehmen zwar Leistungen erbrachten, anschliessend aber von ihren Abnehmern keine Zahlungen
erhielten."
Für Loock-Weber spielt das Factoring eine Schlüsselrolle
bei der Liquiditätssteuerung von Unternehmen. "Durch Factoring kann ein Unternehmen sich ein eigenes
Debitorenmanagement sparen und ist weniger anfällig für Insolvenzen
seiner Kunden. Durch die sofort verfügbare Liquidität kann
es seinerseits Verbindlichkeiten abbauen und zum Beispiel als Barzahler zusätzliche Skonti und Rabatte aushandeln.
Die Kreditlinien sind dadurch frei für andere Finanzierungsbedürfnisse."
Factoring ist in Deutschland noch wenig verbreitet. Während
im europäischen Durchschnitt bereits 4 % des Bruttoinlandproduktes mittels
Factoring finanziert werden, ist es in Deutschland erst rund 1 %.
Für wen eignet sich das Factoring?
Nach Informationen des Deutschen Factoring-Verband e. V. ist
Factoring für Hersteller, Grosshandel und Dienstleister zahlreicher Branchen geeignet, sowohl für den inländischen als
auch für den grenzüberschreitenden Geschäftsverkehr (Ausnahmen:
Bausektor, Spezialmaschinenbau). Voraussetzung ist, dass es sich um gewerbliche Abnehmer handelt und dass den Forderungen
voll erbrachte Leistungen zugrundeliegen. Aus Gründen der Rentabilität sollten die Factoringkunden einen Jahresumsatz
von mehr als 1 Mio. Euro aufweisen.
Welche Vorteile hat der Lieferant durch
Factoring?
Factoring ist neben dem Leasing eines der wirksamsten Mittel,
Liquiditätsengpässen vorzubeugen - beispielsweise durch den Abbau der Aussenstände, hundertprozentige Sicherheit vor
Zahlungsausfällen (Delkredereschutz), und weitere. Aber das ist nur einer der Vorteile. Denn durch die Übernahme von
Debitorenbuchhaltung, Mahnwesen und Inkasso bekommt der Lieferant mehr Freiraum, sich um seine eigentlichen Aufgaben
zu kümmern: den Einkauf, die Produktion oder die Erbringung der Dienstleistung und den Vertrieb. Der Schutz vor Forderungsausfällen erhöht darüber hinaus die
Planungssicherheit.
Ein angenehmer Nebeneffekt beim
Factoring: verkaufte Forderungen scheiden aus der Bilanz des Unternehmens
aus. Der Kaufpreis, den der Factor für die Forderungen bezahlt,
kann für die Bezahlung von Verbindlichkeiten genutzt werden. Dadurch wird die Bilanzsumme reduziert, was zu einer
Verbesserung der Eigenkapitalquote und anderer Bilanzkennziffern führt und damit das Rating des Unternehmens
gleichzeitig verbessert. Das Rating wird aber auch dadurch besser,
dass Ausfallrisiken eliminiert werden.
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