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procurementLETTER Nr. 6/2002

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p r o c u r e m e n t L E T T E R


2. Jahrgang, Nr. 6/2002
6. Juni 2002

Deutsche Bibliothek
ISSN 1618-5862

  
... AUS DEM INHALT DIESER AUSGABE...
  1. Interkulturelles Management – Strategien müssen auch umgesetzt werden
  2. Umfrage des Monats: "Kaufen Sie in Ihrem Unternehmen global ein?"
  3. procurementLETTER kooperiert mit eBusiness-Standard.com


Der kostenlose procurementLETTER liefert Fachinformationen rund um Einkauf, Beschaffung, (E-) Procurement an derzeit über 2.500 Abonnenten...


(1) Interkulturelles Management - Strategien müssen auch umgesetzt werden
          von Gunter Thiel

"Frage erst nach dem Menschen, dann nach dem Weg". Das sagt ein chinesisches Sprichwort - und bringt es damit auf den Punkt. Nämlich, wie unterschiedlich die Vorgehens- und Verhaltensweisen in den verschiedenen Kulturkreisen, Ländern und Regionen sein können und welche Schwierigkeiten entstehen wenn sie "aufeinanderprallen". Denn schon bei der Anbahnung von Geschäftsbeziehungen müssen Minenfelder oft erst geräumt werden. Ein klassisches Beispiel:

Ein Unternehmer, der Maschinen für die Zigarettenherstellung produziert, lädt eine Delegation aus China ein. In der Regel bestehen solche Gruppen aus mehreren Personen, mit einem Delegationsleiter an der Spitze. Wer Asien kennt, weiss um Hierarchien und ihre Bedeutung. Aber was passierte in unserem Fall:

Deutsche bearbeiten Geschäfte – natürlich nicht immer – gern im Büro, mit allen technischen Hilfsmitteln, die zur Verfügung stehen. Planung, Organisation. Tagesordnungen; Termine usw. lieben wir. Alles soll möglichst geregelt verlaufen. 

Anders die Asiaten; in diesem Fall unsere Chinesen. Sie wollen essen, trinken und ihre Geschäftspartner kennen lernen. Auch persönlich. Ein Toast auf die deutsch-chinesische Freundschaft (am liebsten tausend Jahre lang) muss her, ein Glas Wein darauf "ex" geleert werden. Das ist auch passiert. Unser Unternehmer, aus seiner Sicht durchaus verständlich, fühlt sich allerdings berufen zu sagen "man trinkt Wein nicht ex"! Er wollte ja nur helfen. Er verlässt dann nur kurz den Raum, kommt zurück, das Lokal ist leer. Frage an den Oberkellner "Was ist passiert". Antwort des Oberkellners "Die sind alle aufgestanden und gegangen“. 

Die Lösung: Wer die Sitten und Gebräuche in Asien kennt, kennt die Tabus, die unantastbar sind. Dazu gehört auch die Kritik oder was so empfunden wird. So sollte die Autorität – berechtigt oder nicht berechtigt - unter keinen Umständen in Frage gestellt werden. Sie war in unserem Fall gegenüber den "Untergebenen" schlicht und einfach untergraben worden. Das "Gesicht" war weg. In früheren Zeiten hat da nur "Harakiri" geholfen. Aber die Welt ist auch nicht mehr das, was sie nie gewesen ist.

Jetzt war guter Rat teuer. Der Interessent war weg, neue potentielle Käufer sollten her. Aber das ist nicht so einfach in China; so viele Staatsunternehmen gibt es nicht. Und alles kostet Geld. 

Fazit: Nur eine Bemerkung hat hier genügt um Geschäftsbeziehungen überhaupt nicht zustande kommen zu lassen. Bände könnten mit Beispielen gefüllt werden!

Deutsche Produkte, die Technik, die Innovationsbereitschaft, sind weltweit gefragt. Daran hat sich nichts geändert. Wenn man Umfragen glaubt, wird allerdings das "kaufmännische" Geschick, d. h. das Wissen um rechtliche Grundlagen, Mentalitäten und Befindlichkeiten in anderen Kulturkreisen weniger hoch eingeschätzt. Sie kennen die Geschichte von dem Elefanten im Porzellanladen?

Hier sind uns andere Nationen, wie Engländer, Franzosen, Spanier, Niederländer u. a. voraus. Sie haben eben, über Jahrhunderte hinweg, Erfahrungen in ihren Kolonien sammeln können. Sie wissen, dass eigene Vorstellungen, auch rechtliche, nicht ohne weiteres in andere Ländern und Regionen übertragen werden können.

Wer deutsche Unternehmen im Ausland vertritt, macht immer wieder die gleichen Erfahrungen. Das fängt – von grösseren Unternehmen vielleicht einmal abgesehen – schon mit dem "Dress Code" an.Anzug, Hemd, Krawatte, Schuhe, Strümpfe (nicht Socken) und andere "Zubehörteile" müssen übereinstimmen. Hier gibt es ungeschriebene Gesetze und sie gelten weltweit, bei geschäftlichen und persönlichen Kontakten, ganz gleich, ob bei 50 Grad im Schatten in Santiago, Texas oder Saudi-Arabien oder bei einer hundertprozentigen Luftfeuchtigkeit in Kuwait, Hongkong oder Indonesien. "Der deutsche Mann und der internationale Anzug", darüber schrieb vor kurzem eine deutsche Zeitschrift.

Wie wichtig die Beachtung von Gepflogenheiten und Handelsbräuchen in anderen Ländern, aber auch Regionen ist, zeigtein anderes Beispiel:

Ein Staatsunternehmen im Iran will eine Papierfabrik bauen um von Importen unabhängiger zu werden, Das Werk soll am Kaspischen Meer, an der Nordseite des Elburs-Gebirges erstellt werden, Bauzeit 3 Jahre. Die Durchführbarkeitsstudie (feasibility study) wird kanadischen Consulting Engineers übertragen, die auch die internationale Ausschreibung vorbereiten. Geliefert werden Maschinen, mengenmässiger Umfang ca. 60.000 to, mit Schwerstücken bis 60 to, sowie Überlängen und –breiten. Die Logistik, d. h. die Transportabwicklung wird gesondert ausgeschrieben. Die Komponenten kommen aus Kanada, den USA, Schweden, Grossbritannien, Deutschland und Japan.

Bei den Recherchen vor Ort waren aussen- und gesamt- und betriebswirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigern auf die – aus verständlichen Gründen – an dieser Stelle nur in Auszügen, insb. was das "Kulturelle Management" angeht, eingegangen werden soll. Die Planung, Steuerung und Kontrolle des logistischen Teils erfolgte überordnet durch die "Zentrale Projektleitung" in London, als Generalunternehmer. Bei der Durchführbarkeitsstudie waren u. a. folgende Bereiche zu recherchieren um eine ordnungsgemässe Abwicklung sicherzustellen. Bereits für das Angebot musste eine Bietungsgarantie (Bid Bond) in Form einer Bankgarantie von USD 50.000 hinterlegt werden.

Eine ISO-Norm reicht in solchen Fällen nicht aus. Die Recherchen umfassten u. a.

  • Aussenwirtschaftlichen Beziehungen
  • Rechtliche Grundlagen
  • Entwicklungstendenzen
  • Politische Verhältnisse
  • Wirtschaftliche Infrastrukturen
  • Nichtwirtschaftlichen Einflussfaktoren in den betroffenen Ländern und Regionen, u.a. Mentalitätsunterschiede, Befindlichkeiten, Gepflogenheiten, (geschäftliche und persönliche), Handelsbräuche, Sitten und Gebräuche, kulturelle Unterschiede, traditionelle Gegebenheiten, ethnische und religiöse Zusammensetzungen (mögliches Konfliktpotential), sowie Ausbildungs- und Erziehungsgrundlagen, auf die nachstehend ausführlicher eingegangen wird, und
  • Wirtschaftsgeografische Faktoren.

Die Transporte erfolgten auf dem Seeweg, über Rotterdam auf dem Landweg, mit Binnenschiffen auf der Wolga in den Iran (Sommer), mit der Eisenbahn an die russisch-iranische Grenze (Winter), von Japan mit der transsibirischen Eisenbahn an die russisch-iranische Grenze und per Luftfracht. 

Zur Umsetzung der Strategien mussten deshalb u. a. die unterschiedlichsten Gepflogenheiten, Handelsbräuche usw. in den betreffenden Ländern und Regionen eingehend und umfassend untersucht werden. Einige wesentliche Abweichungen werden hier auszugsweise, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, dargestellt. Entscheidend bleibt ist in solchen Fällen grundsätzlich der Einzelfall, die Umstände und die Situation, die i.d.R. nur durch ganzheitliche Analysen erfasst werden können:

Kanada
Kanada ist ein freier Markt. Der Projektleiter, zuständig für die Logistik, war ein Deutscher. In diesem Fall gab es keine Abstimmungsschwierigkeiten. Die Lieferungen kamen aus den englisch- und französisch-sprechenden Provinzen, insofern waren Mentalitätsunterschiede zu berücksichtigen. Zeitunterschiede mussten überbrückt werden. 

USA
In den USA herrscht die freie Marktwirtschaft vor. Die politischen Verhältnisse zwischen den USA und dem Iran mussten einkalkuliert werden. Ethnisch-religiöse Fragen waren bei der Zusammenarbeit zwischen Agenten zu beachten.

Schweden
Im Vergleich zu England und den USA ist der Markt reglementierter. Bei den Gepflogenheiten gab es keine nennenswerten Unterschiede im Vergleich zu Deutschland. Die Schweden stehen allerdings angelsächsischen Gepflogenheiten näher.

Grossbritannien
Vorherrschend ist die freie Marktwirtschaft, mit weniger staatlichen Reglementierungen. In angelsächsische, kontinentalen und anderen Kulturkreisen gibt es erhebliche Abweichungen. Die Ausrichtung ist atlantisch und weltoffen. Die Geschäftsgepflogenheiten sind weniger formell, Verhaltensformen eher verbindlich, Einflussnahmen auf Entscheidungsprozesse (die durchaus länger dauern können) eher indirekt (wichtig ist was wird gesagt, nicht gesagt). Die Zusammenarbeit ist eher teamorientiert, kooperativ, partnerschaftlich, spontaner, kompromissbereiter mit flacheren (horizontalen) Hierarchien. Der englische Common Sense ist sprichwörtlich. Vorrang wird Absprachen und Vereinbarungen gegeben. Dem entspricht auch das englische Fallrecht (Common Law). Please, thank you und sorry sind wesentliche Bestandteile der englischen Sprache. Clubs, der dress code, references, contacts, spielen eine grössere Rolle als in Deutschland. Das Commonwealth und die Verbindungen untereinander sollten nicht unterschätzt werden.

Deutschland
Die Wirtschaft ist, im Vergleich mit England und den USA, reglementierter, mit stärkeren staatlichen Eingriffen. Die Zusammenarbeit war eher sachbezogen, formal, legalistischer, perfektionierter. Das entspricht auch dem vorherrschenden Gesetzesrecht. Planungen (Improvisation ist im Vergleich zum Ausland weniger gefragt), der Organisation (vertikalere Hierarchien), dem "Durchsetzungsvermögen" und der Ausbildung wird ein erheblicher Raum eingeräumt. Die Ausrichtung ist eher kontinental.

Russland
Vorherrschend war zum Zeitpunkt der Recherchen die Zentralverwaltungswirtschaft, mit staatlicher Lenkung der Produktions- und Verteilungsprozesse und vertikalen Hierarchien (Staatsunternehmen). Der Verhandlungsspielraum war – weil kein Wettbewerb – naturgemäss eher eng. Grössenverhältnisse in Russland waren zu berücksichtigen. Die Trinkfestigkeit hat eher Vorrang vor der bekannten Geschäftsfähigkeit.

Transitländer (Balkan, Türkei)
Die unterschiedlichsten politischen Strukturen, Gepflogenheiten und ethnisch-religiöse Einflussfaktoren mussten, insb. ebenfalls wegen der Zusammenarbeiten zwischen Geschäftspartnern untereinander, untersucht und abgestimmt werden.

Japan
Die japanische Wirtschaft ist reglementierter (Japan AG). Verflechtungen auf allen möglichen Ebenen waren bei den Untersuchungen einzubeziehen. Wegen der geringeren Anteile an dem Gesamtumfang der Papierfabrik konnten die Recherchen eingeschränkt werden.

Iran
Der Markt in Iran war zum Zeitpunkt der Untersuchungen Reglementierungen unterworfen. Wegen der umfassenden Arbeiten (Errichtung der Papierfabrik) waren eingehende Recherchen vor Ort über längere Zeiträume hinweg, d. h. schon vor dem Angebot,unerlässlich. Sie bezogen sich auf die gesamten aussenwirtschaftlichen Beziehungen, die rechtlichen Grundlagen, mögliche Entwicklungen (kürzer-, mittel-, längerfristig), die politischen Verhältnisse, die Wirtschaftsinfrastruktur, die Gepflogenheiten und Handelsbräuche und besonders die ethnisch-religiösen Einflussfaktoren (Konfliktpotential, z. B. Iraner, Perser, Kurden, Aserbeidschaner, Araber, Armenier, Turkmenen, Balutschen u. a., sowie Schiiten, Sunniten, Christen, Juden, Parsen und andere Minderheiten). Die Erkenntnisse waren für die Zusammenarbeit der verschiedenen Geschäftspartner von ausschlaggebender Bedeutung. Auch die wirtschaftsgeografischen Faktoren, wie Landesverhältnisse, klimatische Bedingungen usw. spielten bei diesem Projekt eine erhebliche Rolle.

Dieser Auszug soll zeigen, wie wichtig bei globalen Geschäften nicht nur die technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen, sondern auch die nichtwirtschaftlichen Faktoren sind. Ganzheitliche Untersuchungen waren in diesem Zusammenhang unerlässlich, wenn auch im vorliegendem Fall Wert auf die eher nichtwirtschaftlichen Faktoren gelegt wurde. Suboptimierungen und Insellösungen müssen vermieden werden. Auch Grossunternehmen haben die zunehmende Bedeutung des Faktors "Kulturelles Management" erkannt, bzw. nach leidvollen Erfahrungen, erkennen müssen. Viele Daten sind mittels Statistiken recherchierbar, aber in genau so vielen Fällen helfen nur Erfahrungswerte aus der Praxis weiter. Eine Formel lautet: CEI, d. h. Computer, Erfahrung (Error) und Intuition. Das sogenannte Fingerspitzengefühl (eine Entscheidung kann rational nicht
begründet werden) bleibt ein gutes Werkzeug und ist nicht ersetzbar. Und weiter gilt sicher auch ein Zitat von Goethe aus Faust II, das lautet "Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen". 

[ Der Autor: Gunter Thiel, Managementerfahrungen in nationalen und internationalen Unternehmen und Institutionen. Er ist Wirtschaftsberater und Publizist, auf Fragen der Betriebs-, Volks- und Aussenwirtschaft spezialisiert. ]

 


(2) Umfrage des Monats

Nehmen Sie aktiv an der aktuellen Umfrage teil und beantworten Sie die folgende Frage:

     "Kaufen Sie in Ihrem Unternehmen global ein?"

Ihr Stimme können Sie unter www.procurementLETTER.de jetzt anonym abgeben. 

Das Ergebnis der letzten Umfragen finden Sie unter www.procurementletter.de/archiv


(3) procurementLETTER kooperiert mit eBusiness-Standard.com

Das Wissensportal unter www.eBusiness-Standard.com bietet kostenlos Informationen zu Katalog-, Klassifikations- und Transaktions- und weiteren eBusiness-Standards und soll ein Forum zu aktuellen Trends und Entwicklungen im Standardisierungsbereich werden. "Gerade hier besteht ein großer Bedarf an Transparenz und Systematisierung - Standards sind u. a. das Fundament für den erfolgreichen elektronische Geschäftsverkehr", so Armin Pulic. 

Premiumpartner der Wissensplattform sind starke Partner wie procurementLETTER und die eSourcing Alliance e. V..

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Bis zur nächsten Ausgabe am 11. Juli 2002. 

Herzliche Grüsse.

Ihr

Armin Pulic (Hrsg.)
www.procurementLETTER.de

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